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Heute erzähle ich die Geschichte
einer Kätzin, die durch ihre Unbekümmertheit Kindern
gegenüber eine heilende Wirkung erzeugt. Sie heisst Lucy,
ist noch jung und gehört meinem Neffen Lukas und seiner
schönen südamerikanischen Frau Natalia. Obschon sie
in der Stadt Basel wohnen, hat das Tigerli Auslauf und besucht
gerne die mit Grün umgebene Nachbarschaft, wo es besonders
an einem Ort mehr als willkommen ist.
Ganz in der Nähe hat eine Kinderpsychologin ihre Praxis
und die zu heilenden und oft schwierigen Kinder spielen gerne
im vorgelagerten Garten, wo auch Lucy ungehindert ein und aus
geht und mitspielt. Bald einmal hat die Therapeutin gemerkt,
wie sich das Verhalten der manchmal verstockten Kinder beim Auftauchen
des Stubentigers schlagartig und positiv ändert. Plötzlich
wird nicht mehr gezankt und alle buhlen um die Gunst der Kätzin,
die nicht in Panik davon rennt, sondern sich gern und wohlig
von allen streicheln und hätscheln lässt.
Das allein wäre nicht schreibenswert, wenn sich da nicht
etwas zugetragen hätte, wo Lucy dank ihrem Auftreten drinnen
in der Praxis eine erstaunliche Heilung bei einem ganz schwierigen
Fall erwirkte. Ein stark traumatisierter fünfjähriger
Junge wurde schon seit längerer Zeit täglich zu der
Psychologin gebracht um zu erfahren, wieso er nie sprach und
nur vor sich hin starrte. Kein noch so liebevoller Versuch, ihm
einige Worte zu entlocken, hatte bisher Erfolg. Der Kleine schwieg
einfach, schwieg, schwieg und schwieg. Kein Teddybär, kein
aufziehbares Spielzeug, nichts konnte ihm wenigstens ein kleines
Lächeln abringen.
Es war schon Spätnachmittag, die Sonne schien schräg
durchs geöffnete Fenster in den Behandlungsraum, wo sich
die Psychologin einmal mehr mit dem kleinen Patienten abmühte.
Auf einmal leuchtete es wie Feuer in den dunklen Augen unter
dem krausen Haar und der Bub schaute gebannt zum Fenster, wo
sich Lucy inzwischen vom Garten her auf den Sims gesetzt hatte
und gwundrig in den Raum schaute. Und dann, erstmals seit Wochen,
kamen die ersten zaghaften Worte über die Lippen des sonst
Abwesenden. "Da, Bussi, da Bussi!" vernahm die höchst
erstaunte Therapeutin und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
Erleichtert nahm sie wahr, dass der Sprössling weder taub
noch stumm ist.
In weiser Voraussicht lockte nur Frau Doktor das getigerte Wunder
in den Praxisraum und erhoffte sich noch weitere Erfolge. Und
siehe da, das Unfassbare machte weitere Fortschritte, den der
Bub näherte sich der inzwischen auf dem Tisch gesetzten
Katze und probierte sie, zuerst zaghaft und etwas ängstlich,
zu streicheln. Dabei murmelte er weitere Worte in einer fremden
Sprache, aber auch vermischt mit einigen Brocken auf Deutsch.
Es gäbe noch andere Beispiele von diesem Verhältnis
Katze/Kind zu berichten, aber das Geschilderte war für mich
eindeutig dasjenige, das am meisten unter die Haut ging.
Vielfach werden Kinder ersucht, schlimme oder schöne Erlebnisse
mit Farben auf Papier zu bringen. Aus den Zeichnungen erkennen
dann Psychologen, was in den Köpfen der Kleinen gespeichert
ist oder was sie erlebt haben.
In der Praxis der Kinderpsychologin in Basel, die immer noch
mit Lucy arbeitet, zeigen die gemalten Bilder sehr oft eine Katze,
getigert natürlich. Die schönsten davon werden im Korridor
an die Wand geheftet und können auch von Besuchern bestaunt
werden.
Auch der sprachgeheilte Bub hat den Vierbeiner recht gut gezeichnet,
man erkennt wenigstens, dass es eine Katze sein soll. Und darunter
hat die Kinderpsychologin auf einem Streifen Papier folgendes
Wort geschrieben:
THERAPIEASSISTENTIN
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